Reine Motive
Der weise Mann hatte seinen Lehrling lange geschult. Es sei so wichtig, reine Motive zu haben.
Eines Tages kam der Lehrling zu seinem Meister und schien sehr besorgt.
Er sprach:
„Meister, Du hast mich viel über die reinen und edlen Motive gelehrt.
Dass es besonders wichtig sei, eine heilige und reine Liebe zu den Menschen zu entwickeln.
Aber, mein Meister – ich spüre immer wieder Neid in mir. Und Stolz. Egoismus.
Werde ich je dahinkommen, eine reine und edle Einstellung zu haben?“
Der Meister sah den Lehrling an. Dann stand der Meister auf und gab dem Lehrling ein Zeichen, ihm zu folgen. Es ging über den kleinen, sandigen Weg, hinab in das Dorf.
Am Marktplatz sah sich der Meister ein wenig um, bis er plötzlich zielbewusst auf eine Häuserwand zusteuerte. Der Lehrling sah die vielen Marktstände, die neugierigen und kaufenden Menschen – und dann sah er diese Häuserwand, die zu einem prunkvollen Haus gehörte. Es hatte goldene Fensterrahmen, eine Tür mit Diamanten besetzt und es gingen Menschen von Seide gekleidet ein und aus. Was wollte ihm der Meister damit zeigen?
Da sah der Lehrling, dass sich der Meister niedergekniet hatte.
Auf der Straße hockte ein anderer Mann. Dieser war in Lumpen gehüllt und hatte sich wohl seit Tagen nicht gewaschen. Ein kleines Schild stand vor den Füßen dieses Lumpen-Mannes: „Erbitte eine Spende!“
Der Lehrling beobachtete gespannt, was sein Meister tun würde.
Würde er mit dem Mann reden, um ihm auf den Weg der Tugend zu führen?
Würde er diesem etwas spenden? Aber was würde es helfen? Der Lumpen-Mann bräuchte doch eine dauerhafte Hilfe! Und wer weiß – vielleicht ist der Lumpen-Mann selbst schuld an seinem Elend. Wäre es nicht besser, dass er durch die harte Schule des Leidens ginge, um wertvolle Lektionen für die Zukunft zu lernen?
Auf einmal griff der Meister in seinen Beutel und holte einen Geld-Schein hervor. Diesen drückte er dem Lumpen-Mann in die Hand, segnete ihn und stand wieder auf.
Auf dem Weg zurück, hinauf auf den Berg, fragte der Lehrling seinen Meister:
„Warum hast Du dem Lumpen-Mann Geld gegeben?“
Der Meister blieb stehen, wandte sich um, um auf das Dorf zu blicken. Dann sagte er fast wie mit einem leisen Brummen:
„Was ist wichtiger:
Warum ich Geld gab oder dass ich Geld gab?“
Hin und wieder frage ich mich, mit welcher Motivation wir manche unserer kleinen, diakonischen Einzelaktionen im Kiez durchführen.
Warum haben wir Tageszeitungen verschenkt?
Warum kleine Schulstarter-Sets?
Warum haben wir einen Spielplatz ein bisschen vom Müll befreit?
Ich spüre dann einiges in mir:
- Die Gemeinde in Staaken soll wachsen. Menschen sollen diese Gemeinde toll finden!
- Wir Christen müssen doch auch Gutes tun!
- Es ist nur eine Werbeaktion!
- Es wird für Jesus Christus geworben – eigentlich wollen wir doch auf Seine Liebe für die Menschen zeigen!
- …
Nun ja – aber wahrscheinlich ist es dem Mann egal, was ich denke – er findet es einfach nur gut, dass er eine Zeitung geschenkt bekommen hat. Das Kind wird wohl gar nicht an uns denken – aber es wird zumindest auch nicht auf die eine Glasscherbe treten, die auf dem Spielplatz lag. Und die Eltern wundern sich womöglich, warum sie das kleine Schulset einfach so mitnehmen durften – aber letztlich zählt für sie, dass sie ein bisschen Geld gespart haben.
Und Gott?
Was mag Gott über solche „Jesus-Werbeaktionen“ denken?
Vielleicht würde Jesus heutzutage auf Seinen Blog verweisen und sagen:
„Gib in der Suchmaske mal das Stichwort ‘barmherziger Samariter’ ein. Diese Geschichte könnte weiterhelfen.“
September 17, 2008 at 3:57
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