Geht nich’ anders!

By dikosss

Geht schon anders.
Macht aber weniger Sinn – oder geht gar am Sinn vorbei?

Theologische Puzzlestücke kommen für mich zusammen.
Es entsteht ein Bild von Gemeinde, das meine theologischen Anfragen sowie meine Beobachtungen in der Gemeindepraxis zusammenführt.


Dabei möchte ich das für mich neu Entdeckte eigentlich nicht “Hausgemeinde” oder “Gemeinde im Haus” oder “Hauskirche” nennen.
Ich nenne es missverständlich einfach “Gemeinde“.

Es ist die Sicht auf die Netzwerk-Gemeinde, die mich in den letzten Tagen fasziniert und begeistert.

Zum Beispiel bezüglich der Spannung zwischen Hierarchie und der dienenden Leiterschaft gemäß Jesus Christus:
Fast jede klassische Gemeindeform, der ich in Berlin/Deutschland begegne, ist letztlich hierarchisch aufgebaut. Und es ist nicht die bloße Hierarchie zwischen Gott und Mensch, sondern die zwischen Menschen.
Üblicherweise hat ein Vorstand/Kirchenrat zu entscheiden, wie es mit der Gemeinde vor Ort weitergeht.
In der Regel dürfen nur Mitglieder abstimmen, sofern die Gemeinde überhaupt in Entscheidungsprozesse einbezogen wird.
Und im ungünstigen Fall gibt es nicht genügend fähige Leiter und man muss “irgendwen” in ein Vorstandsamt bringen, weil ja sonst das Vereinsleben der Gemeinde nicht bestehen könnte.
Hier können letztlich Strukturen bedient werden, aber nicht die Menschen.
Es geht um Ämter und Positionen, und weniger um Gaben.
Die Gemeinde vor Ort teilt sich in Vereinsmitglieder und Nicht-Mitglieder auf.
Und ich frage mich:
Was hat das mit dem allgemeinen Priestertum aller Gläubigen zu tun?
Ist dieses “Opfer” an unsere Gesellschaft/an die Vereinsstruktur unvermeidlich?

Zum Beispiel das gegenseitige Helfen, Motivieren und Fördern:
Texte wie in 1.Korinther 12 schildern uns ein Bild von Gemeinde, wo jeder Begabte seinen Platz und Sinn hat. Und jeder möge sich in den Dienst für die anderen stellen. Es entsteht für mich ein Bild einer höchst interaktiven Versammlung von Christen, die weniger nach Schema F verläuft, sondern vom Heiligen Geist gesteuert wird.
Ich frage mich:
Wo finde ich das im klassischen sog. Gottesdienst, der allzu oft das Zentrum des Gemeindelebens sein soll?
Finde ich dort nicht eher die Aktion einiger Weniger und das angeleitete Mitmachen bzw. Konsumieren von vielen anderen?
Wie passen solche sog. Gottesdienste zum Bild, das in 1.Korinther 12 entworfen wird?

Zum Beispiel die Spannung zwischen “Innen” und “Außen”:
Zum einen ist vielen Gemeinden, und sogar auch einigen Teilen der Evangelischen Landeskirche, klar, dass wir aufgefordert sind, das Evangelium weiterzugeben.
Zum anderen verläuft das oft nach einem Muster, das ich beim besten Willen nicht in der Bibel erkenne: Es werden ein paar Mitarbeiter für ein evangelistisches Programm zusammengetrommelt, man investiert viel Zeit und Mühe und Geld und verkündet letztlich: “Kommt in unser Gemeindehaus!” (Welches fälschlicherweise oft mit dem Titel “Gemeinde”/ “Kirche” versehen wird)
Im NT entdecke ich nur zwei evangelistische Stoßrichtungen:
- Einzelne Evangelisten/Missionare, die in der Gegend umherziehen und offensiv und öffentlich Kontakte zu den Nichtchristen suchen, sich in deren Sphären begeben, um diesen Jesus zu erklären.
- Die Masse von Christen, die keine typischen Evangelisten sind, aber in stinknormalen Beziehungen zu Nichtchristen leben und durch ihr Leben und Reden deutliche Wegweiser auf Jesus Christus sind.
Wie passen dazu zeit-, geld- und kraftintensive Programme, nach denen die Mitarbeiter fast tot sind und der Ruf “Kommt in unser Gemeindehaus”?

Diese – und einige andere Aspekte – sehe ich nun zusammengeführt in der Gemeindestruktur, wie sie sich Jesus vielleicht dachte:
Eine dynamische Gemeinde, die nicht an Gebäude, nicht an Geld, nicht an bestimmte Orte, nicht an Satzungen, nicht an Hierarchien gebunden ist und deswegen eine solche Dynamik hat, die für manche dann zu gefährlich ist, weil sie menschliche Hierarchien von ihrem Wesen her grundsätzlich bezweifelt und damit nicht von dieser Welt ist und bestehende Kirchensysteme in Frage stellt.
Eine Gemeindestruktur, in der jeder Christ ein “Priester des Höchsten” ist und niemand kraft Amtes mehr zu sagen hat als ein anderer.
Eine Struktur, die von Beziehungen lebt, aber nicht Beziehungen, damit die Struktur lebt.

Die Gemeinde (im Haus oder sonstwo) erfüllt m.E. die Wünsche von Jesus am besten.
Vielleicht ist es sogar das einzige Gemeinde-Modell, das Jesus vor Augen hatte.

Es geht vorrangig um Gemeinden von 2, 3 bis zu 30 Christen.
Alle in Wohnortnähe zusammen, damit man wirklich das Leben und nicht nur den Sonntags-Gottesdienst miteinander teilen kann.
Geistliche Autoritäten werden im Gruppenprozess entdeckt und haben diese Autorität nicht aufgrund eines Amtes, sondern aufgrund des Vertrauens der anderen.
Entscheidungen werden im Miteinander getroffen, was bei einer Gruppengröße von “wenigen” auch eher möglich ist, als bei einer Gemeindegröße von 50 oder 100.
In einer solchen überschaubaren Gruppe ist es eher möglich, dass jeder gesehen und gefördert wird. Hier wird auch die Gabe von jedem gebraucht und nicht nur die von ein paar Alleskönnern.
In einer solchen Gruppe kann es einfacher fallen, ein Programm spontan zu kippen, um der Leitung durch den Heiligen Geist zu folgen.
Hier entwickeln sich natürlicherweise Beziehungen. “Evangelisation” wird nicht gemacht. Vielmehr trifft man sich zum gemeinsamen Grillen mit den Nachbarn und lernt sich erstmal kennen, bevor man den Briefkasten des Nachbarn mit Flyern zumüllt.

Aber droht in einer solchen “Kleinst-Gemeinde” nicht das Verschwinden in der Bedeutungslosigkeit – oder für manche noch schlimmer: Droht dann nicht der Sektenstempel?

Hier hilft schon wieder die biblische Sichtweise!
Denn was, wer, wo ist “Gemeinde”?
Wenn wir wissen, dass es die Gemeinde “in Asien” gibt (s.u.a. die Briefe des Paulus), dann wissen wir: Gemeinde ist die Gemeinde im Haus, in der Kneipe, im Garten …, aber Gemeinde ist auch die Gemeinde in Berlin, in Spandau …
Und diese (Haus-) Gemeinde “in der” (Regional-) Gemeinde, die wiederum “in der” (Welt-) Gemeinde ist, besteht nicht für sich alleine, sondern besteht nur in einem Netzwerk von Gemeinden.

So ist die (Haus-) Gemeinde in eine Region eingebunden, in der es einige andere (Haus-) Gemeinden gibt. Eine regional gut zu erreichende und regelmäßige öffentliche Versammlung der Gemeinden einer Region würde nach Außen hin die Einheit der Christen bezeugen, wäre eine Feier der Größe Gottes und wäre einfach ein super Ausgleich zu den “immer gleichen 20 Pappnasen um mich herum”.

Lange Rede, kurzer Sinn:
Ditt iss’es!
Geht nich’ anders!
Die Gemeinde von 2,3 – 30 Christen, die in ein Netzwerk von anderen Gemeinden eingebunden ist.
Das “Wohnzimmerchristentum” wäre der Schwerpunkt.
Doch das andere Bein bräuchten wir ebenso: die “Tempelfeier”.

Folgende Bücher zum Thema kann ich wärmstens empfehlen:
- “Die Zukunft gestalten – Innovation und Evangelisation in der Kirche des 21.Jahrhunderts” – Michael Frost & Alan Hirsch – 1.Auflage 2008 – GerthMedien / C & P Verlag.
- “Häuser, die die Welt verändern” – Wolfgang Simson – 1999, 2005 – C & P Verlag.
- “Die Kirche im Haus – Eine Rückkehr zur Einfachheit” – Robert Fitts – 1.Auflage 2001 – GloryWorld-Medien.

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4 Antworten zu “Geht nich’ anders!”

  1. Deborah sagt:

    Na, das ist doch mal ne Geburt !!!! :-) :-D

    Gratulation!

  2. dikosss sagt:

    @Deborah:
    Danke für die Glückwünsche.
    Bin nun gespannt, wer vom Team in Staaken mit auf den Zug springt.
    Und dann bin ich gespannt, was das konkret heißt/heißen soll – schließlich bin ich vom “Tempelchristentum” geprägt und bin noch unsicher, wie das “Wohnzimmerchristentum” im Alltag gelebt werden kann.
    Zum Beispiel:
    Tagsüber lerne ich, arbeite ich, schreibe ich – meistens in meiner Bude. Brauche dafür Ruhe. Nun permament Gäste zu haben, würde meiner Arbeit, dem Studium und auch meiner Ehe schaden.
    Wie kann ein Gleichgewicht gefunden werden?

    Das ist nur eine von vielen Fragen!
    Gby,
    Dirk.

  3. Deborah sagt:

    http://www.simplechurch.co.uk/2006/08/victor-choudhrie-2.html

    Hi, ich war gerade auf der Suche nach Dr. Victor Choudhrie, von dem ich ein kleines ergiebiges Büchlein habe, das mir heute wieder in die Hände gefallen ist: Acts, The House Church….The New Testament Model for Multiplying Congregations.
    Dabei habe ich obigen link über ein paaar statements gefunden, der ein paar Nachdenker und Anstösse enthält.

    Die Leute damals haben auch gearbeitet und sich an die normalen Besuchs- bzw. Essenszeiten gehalten. Und es haben bestimmt auch nicht alle nur einen besuchsweise “überfallen” :-D

    und noch ein link von Dr. Choudhrie selber : http://www.indiagateway.net/operation/index.htm

    lg
    Deborah

  4. Lebensgemeinschaft « dikosss sagt:

    [...] Was macht die einfache Gemeinde aus? Hier wurde mir schon vieles klar. Theoretisch (z.B. 1, 2, 3). An einem Punkt ahnte ich aber schon, dass da noch was kommen müsste. Und das ist der Punkt [...]

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