Meine (Klo-) Brille…

By dikosss

beim Bibellesen.

auch das ist für mich ein Thema des ganzheitlichen Christseins (wer meine bisherigen Artikel und Kommentare zum “holistischen” Christsein gelesen hat, weiß, dass ich um diesen Begriff ringe. Ich will nicht einen Begriff einführen, der schon wieder etwas Besonderes sein soll. Trotzdem sehe ich: Der christliche Glaube ist im Wesen holistisch. Wenn ich nun vom holistischen Christsein schreibe, dann ist es mir eine Erinnerungshilfe, den Glauben und eigentlich Gott himself nicht verkürzt zu denken – und dennoch das Reduzierte wahrzunehmen).

Wie schon erwähnt, habe ich angefangen, meine “Brille” beim Bibellesen auszutauschen, als es um die Frage ging: “Dürfen Frauen laut Bibel eine Gemeinde leiten?”

Mein Ergebnis ist:

Gerade, weil ich mich als “bibeltreu” bezeichne, muss ich zu dem Ergebnis kommen, dass Frauen eine Gemeinde leiten dürfen.
Das hat mich verwundert, denn einige Zeit meinte ich, dass sich meine Bibeltreue gerade darin zeigen würde, indem ich die “Contra-Frauen-in-der-Gemeindeleitung” vertrat.
Ich meine nun:
Ich habe eine neue Brille auf.
Und trotzdem:
Wir Menschen sind beschränkt.
Mein Vater (mal Atheist, mal Agnostiker) benutzt gerne das Bild von der Auster:
Wir Menschlein sind wie eine Auster auf dem Meeresgrund.
Wir haben keine Peilung, wenn da oben ein Schiff die Gegend unsicher macht.
Wir kennen gerade mal die näheren Millimeter unserer Umwelt.
Mein Vater bezieht dieses Bild gerne auf unsere Unfähigkeit, überhaupt etwas von Gott erkennen zu können (dem stimme ich übrigens zu! Gott sei Dank hat Er sich uns offenbart!).

Ich beziehe dieses Bild mal auf unsere Art und Weise, die Bibel zu lesen und zu deuten.
Wir müssen beim Lesen davon ausgehen, dass wir eine Klobrille auf dem Kopf haben und direkt in die Schüssel gucken. Oder das vielleicht angenehmere Bild: Wir sind bibellesende Austern.
D.h.: Wir haben einen beschränkten Horizont.
Entsprechend sind unsere Deutungen beschränkt.
Es gibt eine Ausnahme:
Der Heilige Geist nimmt uns die Klobrille ab und gibt uns den 360 Grad-Blick auf das Leben frei. Das Leben außerhalb der Kloschüssel.

Aber wer mag schon von sich behaupten, dass man eine solche Erfahrung gemacht hat (selbst, wenn es “nur” der 180 Grad-Blick wäre…)?
Und selbst, wenn es jemand behauptet, heißt es noch nicht, dass andere das für voll nehmen.
Es kommt ja leicht der Verdacht auf, dass der Erleuchtete einen Messias-Komplex haben könnte!
“Der Heilige Geist hat mir persönlich die wirkliche Wahrheit gezeigt…”

Aber es gibt einen Bibellese-Ansatz, der mir sehr nahe steht.
Es ist der Blick (bzw. der Versuch davon) auf den gesamten Heilsplan Gottes, wie wir ihn aus der Bibel erkennen können.
Peter schreibt davon (Bibel-Pingpong).

Es gibt sicherlich diese Gefahr beim redemptive arc:
Indem ich die Bibel ganzheitlich/holistisch betrachte, relativiere ich das Konkrete und könnte es vorschnell als lediglich situativ-historisch bedingt abtun, um damit zum Ausdruck zu bringen:
“Gilt für mich nicht mehr!”
Unangenehme Passagen könnten auf diese Weise aus dem Weg geräumt werden.

Wenn ich allerdings nur das Detail sehe, ohne den Heilsplan Gottes einzubeziehen, dann werde ich die biblische Botschaft ebenfalls falsch deuten. Mal exemplarisch: Die Freiheit in Christus kann ich nur verstehen, wenn ich ein bisschen Ahnung vom Gesetz und den Propheten habe. Oder verkürzt: Das NT verstehe ich umso besser, je besser ich das AT verstehe.

Um von der Klobrille befreit zu werden, brauche ich also den Mut, das Größere/Ganze erkennen zu wollen, aber auch die Ernsthaftigkeit, mich auf das Detail einzulassen.
Ich meine:
Das führt tatsächlich zu einem befreiten, erlösten Glauben, der die Erkenntnisse anderer respektieren kann, aber in Sachen “Grund & Wirkung von Kreuzigung und Auferstehung” fest steht.

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