Seit ein paar Monaten befinde ich mich in einem (für mich) neuen Denkprozess.
Im Grunde fing es mit der sog “Frauenfrage” an: Darf eine Frau predigen? Darf eine Frau das Ältestenamt bekleiden? (Das sind Fragen, die für die meisten unserer Zeitgenossen nur Entsetzen oder Distanz auslösen (Ausn.: Moslems, manche hinduistischen und buddhistischen Richtungen und ca. 80% der restlichen Weltbevölkerung, die idR. dem Mann die Führungsrolle einräumt – d.h.: Die Emanzen-Bewegung stellt eine Minderheit dar). Aber wer die Bibel als Wort Gottes ernst nehmen will, muss sich diesen Fragen stellen, da es einige recht herausfordernde Verse zur “Frauenfrage” gibt. Hier habe ich meine Antwort auf die Fragen gefunden.)
Einhergehend damit war ein neues hermeneutisches Bewusstsein:
Wie lese ich eigentlich die Bibel?
Welche Brille habe ich dabei auf?
Berücksichtige ich den Kontext? Die Übersetzung? Andere Überzeugungen und Erkenntnisse? Die Absicht des Verfassers?
Wenn ich die Worte der Bibel auslege, muss ich meine Auslegungsmethode immer wieder kritisch hinterfragen.
Dabei merke ich mehr und mehr:
Es gibt einige unabänderliche biblische Aussagen, die das Zentrum des Glaubens darstellen. Ein Rütteln an solchen Aussagen führt zur Aufgabe des christlichen Glaubens.
Es gibt aber m.E. sehr viele biblische Aussagen, die z.T. recht unterschiedlich gedeutet werden können. Ein “Richtig” und “Falsch” erscheint mir nicht immer möglich, es sei denn: Gott selber spricht den Lesenden direkt im Herzen an. Aber insgesamt führt mich das zur intellektuellen Bescheidenheit. Ich will andere Auslegungen stehen lassen können, ohne deswegen die Einheit in Christus oder gar die Rechtgläubigkeit meines Gegenübers anzuzweifeln.
Dies steht im Kontrast zur menschlichen Tendenz, Recht haben zu wollen und sich dann gegenüber anderen Menschen abzugrenzen, weil man meinen würde, die bessere Erkenntnis zu haben.
Ich sage nur iSv. 1.Kor.13: Ohne Liebe kannst Du Dein Wissen in die Tonne treten!
Zwei weitere Meilensteine auf diesem neuen Denkweg sind
- die Emerging-Bewegung und
- das Buch von Shane Claiborne.
Alles in allem führt es mich dazu, dass ich das Verlangen nach einem anderen Christsein verspüre.
Ich versuche das mit dem Begriff “Holistisches Christsein” anzudenken ( I / II / III ).
Dabei geht es weniger darum, etwas “Neues” zu erfinden, sondern das m.E. Eigentliche des Christseins zu formulieren – und zu leben. Komische Begriffe wie “Holistik” helfen mir dabei, diesem Gedankenprozess eine hilfreiche Form zu geben.
So – und weil dieses Posting schon recht ausführlich ist, eröffne ich gleich einen neuen Beitrag zu “…oder: Wie teile ich?”.
Schlagworte: Bibel, Christsein, Emerging Church, Frauenfrage, Hermeneutik, Holistisches Christsein, Shane Claiborne
Dezember 4, 2007 um 9:37
hi,
ich beschäftige mich auch mit diesem Thema, und bin durch McManus und Dan Komball darauf gekommen, mein Verständnis von Christsein zu überdenken. In diesem Überdenkungsprozess fiel mir allerdings auf… das was da in der emerging church gepriesen wird, mit “holistischem” Christsein, deinerseits ausgedrückt, ist doch eigentlich nichts anderes als — eben Christ sein. Ich weiss nicht was andere unter diesem Begriff verstehen, ok ich weiss was Nichtchristen unter diesem Begriff verstehn, aber ich meine andere Christen… Ist das so unnormal Christ mit Geist, Seele und Leib zu leben? Ist es unnormal als Christ in die Gesellschaft zu gehen und dort relevant zu sein? Versteh mich nicht falsch, ich finde deine Gedanken gut und irre, aber wieso braucht es dafür so einen Namen, einen Namen, den man erstmal in einemlangen Aufsatz erklären muss, um sich von denen abzugrenzen die ein anderes Verständnis haben. Ich plädiere dafür, die Terminologie beizubehalten, Christ und nicht holistisches Christsein, und diesen Terminus wieder zurück zum Anfang zu bringen und in wieder mit dem Leben zu füllen der ihm gebührt… weil sonst gibt es nachher die Christen und die… keine Ahnung… Holis?????
Grüße Raul
Dezember 4, 2007 um 9:59
Hi Raul!
Natürlich hast Du Recht:
Wir haben schon genügend Denominationen.
Wenn jetzt noch die Holis kämen …
Es geht mir vielmehr darum, das, was ich für mich durchdenke (und hoffentlich lebe), zu fassen.
D.h.: Ich will mal eine neue Brille aufsetzen und damit meinen Glauben ansatzweise verstehen.
Ein Begriff wie “Holistik” hilft mir, mich an ein paar Prinzipien zu erinnern:
- Körper, Seele und Geist gehören zusammen – wie lebe ich das?
- Christsein gehört in die Welt – wie lebe ich das?
- Christsein erschöpft sich eben nicht in meiner Denomination – wie lebe ich das?
- Christsein heißt Teilen – wie lebe ich das?
- Etc.
Der Begriff der Holistik zeigt mir, dass ich sozusagen “von oben” gucken muss.
Wenn dieser Begriff anderen keine Hilfe ist, dann mögen sie einen anderen Begriff nehmen – oder eben einfach nur vom Christsein reden.
Die Gefahr besteht natürlich, dass ein Begriff, der eigentlich eine Erinnerungshilfe sein soll, zu plakativ wird und irgendwann nur zur Abgrenzung benutzt wird.
Sobald man das merkt: Weg mit dem Begriff!
Ähnlich ist es ja mit solchen Begriffen wie “evangelisch” oder “katholisch”.
Klar, es gibt DIE katholische Lehre.
Aber wenn ich mir die Katholen anschaue, dann sehe ich manch Christen, die evangelischer sind als mancher Protestant. Andersherum ähnlich.
So gesehen ist es evtl. sinnvoller, nicht vom “holistischen” Christsein zu schreiben, sondern eher von einem holistischen Blick auf den Glauben… (????)
Dezember 4, 2007 um 12:04
[...] und Kleingruppen”: Auch das erkläre ich mal mit dem holistischen Blick zu einem wesenmäßigen Prinzip des Christseins. Holistik und Reduktion – schöne Begriffe, die den [...]