Lieblose Christen
Christliche Gemeinden sind Gruppen.
Gruppen haben eine Dynamik.
Selbst Christen, die sich gegen eine Gruppendynamik bei Lobpreis-Events sperren („Ich will mich gefühlsmäßig nicht manipulieren lassen!“ … Schade, es könnte der Seele gut tun…), sind selber Teil eines Gruppensystems – einer Gruppendynamik.
Und zwar einfach deswegen, weil sie Teil einer Gruppe sind.
Solche Dynamiken werden wohl eher selten an’s Licht geholt.
Im Gemeinde-Alltag knallt die Dynamik trotzdem mit voller Wucht durch.
Aber leise und unsichtbar.
Eine sehr gefährliche Dynamik ist die Lieblosigkeit.
Mit Liebe ist nicht gemeint: „Kommt, lasst uns kuscheln!“
Das Facettenreiche der Liebe kann ich nicht mit wenigen Worten definieren.
Aber sagen wir es mal so:
Liebe will Gutes für Gott und andere Menschen.
Zuerst ist das eine Einstellung.
Eine Entscheidung.
Im besten Fall geboren aus der Gnaden-Erfahrung mit Gott.
Es gab einzelne, wenige Momente in meinem Leben, in denen ich die Gnade Gottes körperlich, seelisch, geistig gespürt habe. In solchen Momenten schien es mir unmöglich, gegen jemanden zu sein.
Wie sieht es damit in unseren Gemeinden aus?
Suchen wir diese Gnade Gottes?
Geben wir diese Gnade weiter wie ein leckeres Stück Torte („Probier’ mal, voll lecker!“)?
Seit einiger Zeit begegne ich einer anderen Dynamik.
Es ist leider nicht die Dynamik der Gnade.
Es ist eine Dynamik der Frontenbildung.
Es wird nicht gut voneinander gedacht. Es wird misstraut.
Weil andere Fehler und Macken haben, deswegen werden ihre Meinung und Empfinden nicht ernst genommen!
Das würde kaum einer so ausdrücken – aber es wird gelebt.
Es ist das Unsichtbare der Dynamik.
Wessen Meinung wird dann geachtet?
Die Meinung derer, die sich präsent zeigen.
Die viel mitarbeiten.
Die nicht kritisieren.
Die (scheinbar) regelmäßig ihre Bibel lesen.
Kurzum: Die, die die klassischen, sichtbaren Frömmigkeitsmerkmale aufweisen.
Der Umkehrschluss:
Wessen Meinung wird nicht geachtet?
Die Meinung derer, die nicht immer dabei sind.
Warum sie nicht dabei sind, wird nicht gefragt.
Die Meinung derer, die nicht viel mitarbeiten.
Warum sie nicht „viel“ mitarbeiten, wird nicht gefragt.
Die Meinung derer, die Kritik üben.
Die Meinung derer, die (nach unserem völlig stümperhaften menschlichen Ermessen) keine geistliche Reife haben.
Ich frage:
Wo bleibt da die Gnade mit den Schwachen?
Wer hat Liebe für die Suchenden und Unzufriedenen?
Wer behandelt sie nicht als „gegnerische Front“, sondern als wertvolle Geschöpfe, deren Meinungen und Empfindungen genauso ernst zu nehmen sind wie die eines „reifen, tüchtigen, präsenten und bibellesenden“ Christen?
In der Praxis äußert sich die Dynamik der Lieblosigkeit u.a. darin, dass man es für gut befindet, wenn sich „unbequeme“ Christen eine andere Gemeinde suchen.
Es wird für gut befunden, wenn DIE Unzufriedenen endlich weg sind.
Man verliert damit aber die Vielfalt und den kreativen Reichtum.
Man isoliert sich.
Man hört nicht darauf, ob DIE Unzufriedenen vielleicht Recht haben könnten.
Stattdessen wünscht man sich:
„Ach, mögen die Kritiker doch endlich weg sein. Dann wird’s angenehmer für uns alle!“
Man liebt nicht.
Wer aber nicht liebt, der sündigt.
Klare Sache, dass DIE Unzufriedenen eine solche Einstellung spüren.
Klare Sache, dass es sie weiter weg treibt.
Klare Sache, dass sie eines Tages sagen: „Ich bin dann weg, denn ich bin nicht gewollt.“
Was danach bleibt ist die Erfahrung der Unzufriedenen:
„Wenn ich mich – so wie ich bin – einbringe, dann ist dafür kein Platz.“
Und die Erfahrung der anderen:
„Wir hatten Recht. Sie passten nicht zu uns. Sie hatten keine Ausdauer, um durchzuhalten. Aber wir beißen uns weiter durch!“
Glaubst Du, dass Jesus deswegen Tränen vergießt?
Ich sehne mich nach einer Dynamik der Gnade.
P.S. Ich meine schon, dass eine Trennung von Christen in wenigen Fällen sinnvoll sein kann.
Dann, wenn es um offensichtliche und wesentliche Irrlehre geht, die trotz Gesprächen weiter betrieben wird. Oder dann, wenn Berufswechsel solche Trennungen mit sich bringen. Oder dann, wenn man merkt: „Das ist einfach nicht mein Stil!“ In den letzten beiden Fällen würde eine Dynamik der Gnade dazu führen, dass eine Trennung zelebriert wird. Vielleicht sogar im Gottesdienst. Mit Segen und Fürbitte. Von beiden Parteien. Die Realität zeigt, dass Trennungen dann doch eher klammheimlich geschehen. Es wird nicht geredet – nur hinter dem Rücken.
Tags: Dynamik, Gemeinde, Gnade, Gott, Gruppendynamik, Kirche, Liebe, Lieblosigkeit, Unzufriedenheit
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November 23, 2007 at 3:55
Sehr gute Beschreibung. Wer nicht gut dressiert funktioniert ist aus dem Spiel.
Mir fällt dazu das imperialistische Erbe ein:
Kaiser: Ich mache viele Regeln, damit die Leute tun, was Ich will.
Jesus: Aus Liebe gebe Ich euch ein neues Herz und fülle es mit Liebe, damit es gar nicht anders kann, als zu lieben.
Bewahre dein Herz mit allem Fleiss, denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens. Spr 4,23
lg
Deborah
November 23, 2007 at 4:11
„Jesus: Aus Liebe gebe Ich euch ein neues Herz und fülle es mit Liebe, damit es gar nicht anders kann, als zu lieben.“
Genau das ist es, oder!?
Wenn’s bei uns anders zugeht, dann können wir uns auf jeden Fall nicht auf Jesus berufen.
Wenn wir uns aber nicht auf Jesus berufen können, dann läuft was falsch.
Gby,
Dirk.